Nestwärme – ein Reisebericht

Nestwärme – ein Reisebericht Nestwärme – ein Reisebericht Nestwärme – ein Reisebericht

(über die Reise von Dr. Bettina Eschler, Amanda Chominsky, Carola Pröbstle und Tom Brandhuber ins NEST-Kinderheim - April 2014)

Daniels (9) linkes Bein ist etwa 6 cm kürzer als sein rechtes. Beim Gehen humpelt er, man merkt ihm an, dass jeder Schritt für ihn anstrengend ist. Trotzdem rennt er lachend mit seinen Geschwistern mit – heute Abend sind die Kinder aus dem Nest-Projekt in Limuru auf eine „Pool-Party“ eingeladen, da will er natürlich mitfeiern!

Gestern haben Bettina und Tom ihn untersucht und festgestellt, dass er wahrscheinlich eine Operation braucht, denn selbst durch Physiotherapie würde man diese Längendifferenz nicht ausgleichen können. Aber wer soll das bezahlen? Und wer kommt für die dritte und vierte Augenoperation von Rachel (4) auf, deren Hornhautgeschwülste in beiden Augen immer wieder nachwachsen, seit sie als kleines Baby im Straßengraben gefunden wurde und dabei wahrscheinlich mit ätzenden Stoffen in Kontakt kam? Und wer kann die beidseitige totale Hüftoperation von Marc (41J) bezahlen, der zwei kleine Kinder hat, als Fahrer für das Nest-Projekt arbeitet und vor Schmerzen seit mehr als drei Monaten fast gar nicht mehr laufen kann?

Alle Jahre wieder

Das sind einige der Fragen und Sorgen, die uns in der Woche beschäftigen, in der wir – Bettina, Tom, Amanda und ich – in Nairobi und Limuru die Projekte der Polarlys-Stiftung ansehen und die Kinder durchchecken. Bettina und Tom, die beiden Ärzte in unserem Team, machen Reihenuntersuchungen, Amanda und ich assistieren, aktualisieren die Krankenakten und stellen Listen zusammen: die einen müssen zum Zahnarzt wegen hochgradiger Karies, andere brauchen antiallergische Augentropfen, wieder andere müssten zur Physiotherapie – zum Glück ist gerade Sara, Physiotherapeutin aus England, im Projekt – sie kann gleich mit einigen der Kinder arbeiten.

Agha ist 18 Monate alt und kann nicht laufen. Die Untersuchung zeigt, dass anatomisch und physiologisch alles in Ordnung ist, seine dünnen Beinchen sind lediglich zu schwach. Aus der Krankenakte erfahren wir, dass er sein ganzes bisheriges Leben im Gefängnis verbracht hat. In einer kleinen überfüllten Gefängniszelle kann man nicht wirklich laufen lernen – wohin auch? Auch er wird Sara vorgestellt – sie kann da sicher was machen.

So werden die Kinder eins nach dem anderen angeschaut, Julia schreibt auf, welches Kind welches Medikament oder welche Salbe wie oft am Tag und wie viele Tage lang braucht. Julia ist neben etwa zwanzig Hausmüttern die einzige Krankenschwester für die derzeit mehr als 80 Kinder im Nest-Projekt. Sie wird die nächsten Tage und Wochen beschäftigt sein.

Die Arbeit trägt Früchte

Viele der Kinder haben Pilzinfektionen am Kopf oder am gesamten Körper. Im Vergleich zum letzten Jahr hat sich der Gesundheitszustand der im Nest lebenden Kinder jedoch wesentlich gebessert. Die regelmäßigen Untersuchungen und Fortbildungen, die Bettina und Amanda die letzten sechs Jahre immer wieder durchgeführt haben, tragen also langsam Früchte. Die meisten Kinder, die neu ins Projekt kommen – aus dem Slum oder dem Gefängnis – bringen jedoch neben ihren Traumata auch häufig ansteckende Krankheiten mit, vor allem Krätze; der Milbenbefall ist hochansteckend und es ist daher nicht sinnvoll, die Kinder zusammen mit den anderen in ein Bett zu stecken; was aber gemacht wird, häufig aus Platzmangel, aber auch aus Unwissenheit, wie Krankheiten übertragen werden.

Hygiene-Basics

Also workshop heute Nachmittag: Moses, der Projektleiter, Julia, die Krankenschwester, alle Hausmamas und die übrigen Angestellten erfahren, dass man die Decken eigentlich alle auf über 40°C waschen müsste – das geht aber nicht, da es Wolldecken sind und das Projekt nur über eine Kaltwassermaschine verfügt. Also sollen sie Plan B umsetzen: mehr Decken besorgen, die infizierte Wäsche zwei Wochen lang in eine Tüte stecken und zubinden – auch das tötet die Krätzemilbe ab. Weitere Hygiene-Basics werden vermittelt: häufig die Hände waschen, gründlich Hände abtrocknen und regelmäßig die Handtücher wechseln. Neuankömmlinge zunächst in Quarantäne und einzeln behandeln. Gemeinsam wird überlegt wie dies auch umgesetzt werden kann – denn schon jetzt sind viel mehr Kinder als Betten da – die meisten schlafen zu zweit in einem.

Manche der Kinder haben zu kleine Schuhe an – gerade keine richtige Größe da. Die Verantwortlichen erfahren, dass das für das Fußwachstum der Kinder ungünstig ist. Was tun bei häufig wiederkehrenden Mittelohrentzündungen? Wer kann in Kenia ein perforiertes Trommelfell operieren? Manchmal hören die Kinder auch aus anderen Gründen schlecht: Bei einem Kind wird demonstriert, wie mit einer ins Ohr geträufelten Lösung das hartgewordene Ohrenschmalz eingeweicht wird und dass es anschließend mehr als zehn Wasserspritzen braucht, um den steinharten Pfropfen aus dem Ohr auszuspülen. Manche der Mädchen klagen über Kopfweh. Vielleicht sieht Veronica schlecht? Ein einfacher Augentest zeigt, dass ihre Sehschärfe in Ordnung ist, man muss also noch einmal prüfen, an was es noch liegen könnte.
Viele der neuen Kinder sind mangel- oder unterernährt. Für sie eine Spezialnahrung zu kaufen wäre viel zu teuer. Mittwochmorgen um 6 Uhr machen wir uns also mit Moses auf den Weg zum Markt in Limuru. Gemeinsam überlegen wir, wir man für die Kinder aus einheimischem Gemüse und Getreide eine optimale Aufbaunahrung zusammenstellen kann.

Kleine Menschen – großes Schicksal

Manche der neu ins Projekt kommenden Kinder sind schwer traumatisiert. Falls man über die Kinder überhaupt etwas erfährt, lesen sich die Berichte wie Psychothriller, so wie bei Lea (6): Im Alter von zwei Jahren vom Vater immer wieder missbraucht, mit Zigarettenstummeln traktiert, mit der Mutter im Gefängnis. Geschlagen, vernachlässigt, zurückgelassen, abgeschoben, weggeworfen – ihr bisheriges Leben ist kein Einzelfall. Im Nest werden sie liebevoll aufgenommen, versorgt und integriert; trotzdem braucht es oft Wochen und Monate, bis die Kinder wieder lachen lernen, bei manchen ist es ein wahres Wunder, dass sie es überhaupt noch können. Und doch sieht man sie – wie sie lautstark Fußball spielen, übermütig über den von Volontären errichteten Spielplatz toben oder in den Pausen mit uns Blödsinn machen.

Auf Wiedersehen im Nest!

Nach zwei Tagen sind alle Kinder inklusive einer Lehrerin durchgescheckt, die Dokumente aktualisiert, der Medikamentenschrank durchforstet und aufgefüllt, die Angestellten fortgebildet. Dann heißt es auch schon wieder Abschied nehmen. Die Kinder singen uns ein Lied von einem Vögelchen, das um Federn und Zweige für sein Nest bittet, damit es drinnen schön warm ist – solange, bis es fliegen kann. Wir stimmen das Kinderlied „Ein Vogel wollte Hochzeit machen …“ an und nach ein paar Strophen singen die Kinder lautstark den Refrain mit: „Fiderallalla, fiderallalla, fiderallallallallaaaaa!“ Bis nächstes Jahr, Ihr Lieben! Wir werden Schuhe in größeren Größen mitbringen, spezielle Medikamente, die es hier nicht gibt, und vielleicht noch einen Fußball – der, den wir mitgebracht haben, ist den ganzen Tag im Einsatz, er wird nicht lange halten …

Daniel kommt noch einmal zu uns zurückgehumpelt. „Danke für den Fußball!“ Gern geschehen, kleiner Mann!

Carola Pröbstle

 

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"Den Kindern gehört die Zukunft,
 aber nur wenn wir Ihnen auch
 eine Zukunft schenken!"

Heinrich M. Korte