Halfway there – lange Reise zurück ins Leben

Halfway there – lange Reise zurück ins Leben Halfway there – lange Reise zurück ins Leben

Mai 2014

Vater unbekannt, Mutter im Gefängnis – ab zwei Jahren kommen viele der vergessenen Kinder Kenias ins Nest-Kinderheim. Zweimal im Jahr dürfen sie ihre Mütter besuchen. Dass sie anschließend erst wieder lernen müssen, zu der fremden Person, die auf sie zukommt, „Mama“ zu sagen, ist unschwer zu verstehen. Das gelingt im Halfway-House in Nairobi.

Hierher kommen die Mütter, wenn sie ihre Gefängnisstrafe abgesessen haben. Im Halfway-House können sie für etwa drei Monate wohnen, lernen ihre Kinder neu kennen, werden in Basics geschult, um anschließend ein neues Leben anzufangen: Indem sie sich ein kleines Unternehmen aufbauen – etwa Gemüse oder Babyklamotten verkaufen oder als Frisörin arbeiten – können sie ein selbstbestimmtes Leben führen und zukünftig für sich und ihre Kinder sorgen.

Eine Erfolgsgeschichte

Die Erfolgsquote liegt bei etwa 95 Prozent, sagt Marrion, eine der derzeit vier Sozialarbeiterinnen; eine Studie für den Internationalen Währungsfond hat das ergeben. Die meisten Frauen schaffen es tatsächlich: Holt man sie aus ihrem Slum-Umfeld heraus und hilft ihnen, an einem anderen Ort eine neue Existenz aufzubauen, nehmen die meisten die Unterstützung dankbar an. Auch später noch können sie sich bei Fragen oder Problemen ans Projekt wenden. Umgekehrt prüfen die Sozialarbeiterinnen, ob die Frauen auch nach mehreren Monaten noch verantwortungsbewusst mit ihrem neuen Leben und den ihnen wieder anvertrauten Kindern umgehen und das Gelernte in die Praxis umsetzen. Unangekündigte Besuche der selbstständigen Frauen – so genannte follow-ups – garantieren so auch langfristig den Erfolg des Projektes.

Langata – Schicksal Gefängnis

Lucy, Marrions Kollegin,  geht einmal pro Woche ins Langata-Frauengefängnis – zu den Müttern, deren Kinder im Nest betreut werden. Sie kümmert sich um deren Anliegen und zeigt ihnen, dass sie nicht vergessen werden. Der Besuchsraum ist Mittwochs inzwischen völlig überfüllt – es hat sich herumgesprochen, dass Lucy kommt, „the saviour“, und dass es da ein Projekt gibt, das den Müttern nach ihrer Gefängniszeit eine Perspektive bietet. Daher möchten auch viele mit Lucy sprechen, deren Kinder nicht im Nest sind: sie bitten darum, ihre Kinder aus dem Slum oder von dort, wo sie derzeit hausen, abzuholen und im Kinderheim aufzunehmen.

3000 Frauen sitzen derzeit im Langata-Gefängnis in Nairobi ein. 70 sind in einem Zimmer untergebracht, vielleicht 30 Quadratmeter groß. Mütter, die stillende Babys dabeihaben, kommen zu 20 in eine Zelle: es gibt nichts zu spielen, nicht immer genug zu essen, keine Abwechslung, keine Perspektive – einen Tag um den anderen überleben, heißt die Devise. Wer länger einsitzt, arbeitet auf der Farm oder in der Bäckerei mit. Alle Habseligkeiten müssen abgegeben werden, wer kein Geld mitbringt, bekommt bei der Entlassung auch nichts, wer aus dem Slum kommt, geht anschließend ins Slum zurück – außer sie haben das Glück, von Lucy abgeholt und ins Halfway-House aufgenommen zu werden. Die Zimmer dort sind daher auch immer mehr als belegt.

Keine halben Sachen – Hoffnung Halfway

 „Wie hältst du diese Arbeit aus, Marrion? All diese Schicksale?“ Wir sitzen mit Marrion zusammen, die uns mit einigen der hier lebenden Müttern zusammengebracht hat und für uns übersetzt, wenn die Mütter auf Suaheli erzählen. Sie arbeitet seit August 2013 im Halfway-House, vorher hat sie mehr als drei Jahre Jahr in Kampala (Uganda) Sozialarbeit studiert und ihren Bachelor gemacht. „Wissen Sie, es ist schon harte Arbeit und fällt einem manchmal schwer, wenn man all das mitbekommt, was die Frauen hier durchgemacht haben. Aber für mich ist das eher eine Berufung als ein Job. Am Ende eines Tages bin ich glücklich, weil ich sehe, dass die Arbeit Sinn macht und die Frauen wirklich dankbar sind für das, was wir ihnen hier geben.“ In ihrem letzten Job hat sie mehr verdient, gibt sie zu, aber das Projekt war ausgelaufen und sie hat sich im Halfway-House beworben. Vier Sozialarbeiterinnen teilen sich die Arbeit auf: Lucy geht ins Gefängnis und macht die „follow-ups“, das heißt die Vor und Nachbetreuung der Frauen. Marrion ist bei den Gerichtsverhandlungen dabei, schreibt die Berichte fürs Gericht, hält die Akten der Kinder aktuell und regelt die rechtlichen Dinge. Margret und Jaqueline sind für die Betreuung im Haus zuständig. Manchmal muss man mit den Müttern ins Krankenhaus, Mary kam hochschwanger ins Projekt, sie wurde von Marrion zur Entbindung gebracht und nach zwei Tagen wieder abgeholt. 

Elf Tage Arbeiten und drei Tage frei – man lebt sozusagen im Projekt in der Zeit, in der man arbeitet. Hoffentlich hat man in den drei Tagen Zeit, auch mal Abstand zu bekommen. Für uns als Außenstehende hört es sich schon anstrengend an ….

Neue Visionen

Inzwischen wird angebaut: Als dem Projekt eine komplette Friseursaloneinrichtung sozusagen ins Haus geschneit kam, kam die Idee auf, eine Friseur-Werkstatt einzurichten, in der die Mütter in relativ kurzer Zeit ein Handwerk lernen können. Als mobile Friseurin beispielsweise könnte sie später Geld verdienen, ohne Miete für einen Salon zahlen zu müssen. Auch eine Näh-Werkstatt ist angedacht: Näharbeiten könnten bei entsprechender Ausbildung an der Nähmaschine auch von zuhause aus gemacht werden – ebenfalls eine gute Perspektive für die oft ungelernten Frauen. Jetzt geht es darum, jemanden zu finden, der die Werkstatt nutzt und dafür nachmittags den Frauen ein paar Stunden seine/ihre Fertigkeiten beibringt. Wer sich dazu berufen fühlt, kann sich gerne ans Projekt wenden: www.polarlysstiftung.com.

Carola Pröbstle

 

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"Den Kindern gehört die Zukunft,
 aber nur wenn wir Ihnen auch
 eine Zukunft schenken!"

Heinrich M. Korte